Interview Matthias Horx

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INTERVIEW | Artikel vom 02.12.2016 | Text von Redaktion

Matthias Horx

"Die Gesellschaft der Zukunft bleibt analog!"

Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx im Gespräch mit VISIONMAG | alle Fotos © Martin Joppen

 

Matthias Horx ist einer der renommiertesten Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. „Zukunft wagen - Über den klugen Umgang mit dem Unvorhersehbaren“ heißt sein aktuelles Buch. Wir treffen den 61-jährigen in Frankfurt in der Villa Kennedy. Im Interview spricht er über gesellschaftliche Ängste, zukünftige Technologien und warum der Mensch trotz Digitalisierung ein analoges Wesen bleiben wird.

 

Herr Horx, als Trend- und Zukunftsforscher beschäftigen Sie sich mit der Welt von Morgen. Woraus setzen sich unsere Zukunftsbilder zusammen und von welchen Illusionen werden sie geprägt?

 

Die Klischees über das Morgen sind durch die Dialektik von Wunsch und Angst geprägt. Der klassische positive Zukunftsentwurf ist die technische Erlösung. Vom Flugauto über die Weltraumfahrt bis hin zu der Idee, dass uns eines Tages Computer erlösen und unsterblich machen. Das war schon in meiner Kindheit, in den 60er Jahren, der Fall. Das Gegenbild zu dieser positiven Utopie ist die Vorstellung vom Weltuntergang, der globalen Katastrophe und der sozialen Dystopie. Wir brauchen diese Vereinfachungen, weil das Gehirn nur signifikante Bilder abbilden kann. In der wahren Zukunftsforschung lernt man, dass sich Zukunft wie ein Puzzle zusammen setzt und sehr komplex ist. Sie ist ein großes Durcheinander und das ist gut so! Es ist das Wesen der Komplexität, dass sich die Dinge nicht in Linearitäten entwickeln. Begehrt und wahrgenommen werden aber eben diese Klischees.

 

In den meisten Berichterstattungen ist die Zukunft von Katastrophen, Weltuntergangsszenarien und Ängsten geprägt. Rein statistisch gesehen geht es uns jedoch immer besser. Warum haben wir so wenig Vertrauen in das was kommen mag?

 

Zunächst handelt es sich um ein überwiegend deutschsprachiges Phänomen. Zukunftsängste sind in unserer Kultur tief verankert. Das liegt daran, dass wir mit dem zweiten Weltkrieg eine gesellschaftliche Dystopie erlebt haben. Unsere Kultur ist traumatisiert und wir erwarten immer das Schlimmste. Es gibt jedoch auch einen narzisstischen Nutzen des Weltuntergangs. Wer das große Untergangsgemälde an die Wand malt, hat eine enorme Deutungsmacht und kann andere Menschen manipulieren. Glaubt man zum Beispiel an den Orwellschen Überwachungsstaat, der jetzt mit dem digitalen Zeitalter auf uns zukommt, gibt man seiner Staatsangst eine moderne Gestalt. Dystopien haben einen großen Wiedererkennungswert, einen hohen Nutzen und auch einen hohen Geldwert.

 

Inwiefern meinen Sie das genau?

 

Wer die Apokalypse definieren kann, bekommt Aufmerksamkeit! Würde ich ein Buch über den Weltuntergang schreiben, oder in den Talkshows erzählen, dass alle arbeitslos werden, hört man mir zu! Der ökonomische Nutzen des Weltuntergangs ist einfach größer als bei der Utopie. Apokalypsen können nämlich nicht scheitern. Treffen sie nicht ein, liegt das daran, dass der Apokalyptiker es gewusst und vor ihnen gewarnt hat. Auf Dauer werden Menschen natürlich von Dystopien entmutigt und das führt zu einem gewissen Dekadenz Effekt. Polarisierung, Alarmisierung, Unversöhnlichkeit und das, was uns die Talkshows jeden Tag vermitteln, ist der reife Apfel, den die Mediengesellschaft in den letzten zwanzig, dreißig Jahren gezüchtet hat. Menschen neigen dazu, das zu erzeugen, was sie fürchten und dann wird es in der Tat gefährlich.

 

Wir erleben eine fortschreitende Digitalisierung in der immer mehr Maschinen unsere Arbeit erledigen. Wird in zwanzig Jahren die Hälfte der Bevölkerung arbeitslos sein?

 

Als Zukunftsforscher sind wir Systemforscher und wir können das Arbeitssystem nur verstehen, wenn wir es in seinen verschiedenen Komplexitätsschichten begreifen. Seitdem vor zweihundert Jahren die Dampfmaschine die Weber ersetzt hat, wird davon gesprochen, dass alle Leute arbeitslos werden. Doch es handelt sich jedes Mal um einen vorübergehenden Effekt, der dazu führt, dass Menschen neue Arbeitsformen erfinden. In den 90er Jahren wurde in jeder deutschen Talkshow das Thema Massenarbeitslosigkeit behandelt. Genauso wie zuvor in den 60er Jahren, als die ersten Fließbänder aufkamen. Immer war es derselbe Diskurs und immer führte es dazu, dass sich der gesamte Erwerbsbereich ausdehnte. Wir haben heute so viel Erwerbsarbeit wie noch nie und zwar überwiegend in den Ländern, die am meisten automatisiert sind. Dort gibt es auch die geringsten Arbeitslosenzahlen und dieses Mal wird es genauso sein. Die Digitalisierung nimmt uns Routinetätigkeiten ab, wodurch die Nachfrage nach komplexeren Formen von Arbeit, von Wissensarbeit entsteht.

 

Es werden also genügend neue Berufsbilder entstehen, an die wir heute noch gar nicht denken?

 

Es entstehen immer neue Nachfragen und Probleme, die nicht digital lösbar sind. Es leiden heute zum Beispiel immer mehr Leute unter Stress, weil sie in multipolaren Informationswelten leben. Um dieses Problem zu beheben, explodiert gleichzeitig die Anzahl der Yogalehrer. Heute haben wir in Deutschland hunderttausend Yogalehrer. Vor zehn Jahren gab es gerade mal ein Zehntel davon. Natürlich kann man ein System so gestalten, dass es neue Jobs nicht zulässt. Selbstorganisiert führt es jedoch immer zu neuen Arbeitsformen. Wenn Digitalisierung stattfindet, müssen sich die Leute weiterbilden, die Bildung wird also ausgebaut. Die Menschen werden älter, also explodiert der ganze Gesundheitsbereich. Allein in den letzten zehn Jahren sind über tausend neue Berufsbilder entstanden, die kein Mensch vorher kannte. Es wird keinen Mangel an Arbeit geben!

 

Neue Erfindungen wie „Google Glass“, 3D Fernseher und intelligente Kühlschränke haben sich nicht oder höchstens in Nischen durchgesetzt. Haben Sie das so kommen sehen?

 

Ja, denn wir haben ein relativ zuverlässiges Technik- Prognosesystem entwickelt. Damit können wir jede Erfindung prüfen und herausfinden, ob sie einen Nischen-, Mittleren oder Riesenmarkt füllen wird. Wir entwickeln dieses „Orakel“ seit vielen Jahren immer weiter, nur unsere Kunden interessieren sich überhaupt nicht dafür!

 

 

Warum nicht?

 

Ich gebe Ihnen ein Beispiel, was das erklärt: Das amerikanische Ehepaar Goodman hat einen Test entwickelt, mit dem sich die Zukunft von Partnerschaften und Ehen wunderbar voraussagen lässt. Während eines 20 minütigen Gesprächs wird die Kommunikation zwischen zwei Partnern aufgenommen und anschließend die emotionale Übertragung gemessen. Die Skala reicht von plus zehn, das ist Humor, also gemeinsames Lachen, bis hin zu minus zehn, der Verachtung. Das Paarberatungsehepaar kann aufgrund dieser Messergebnisse eine neunzig Prozent sichere Prognose stellen, ob diese Ehe oder Partnerschaft in fünf Jahren noch besteht. Das Problem ist nur, das will keiner wissen! Prognosen, die man wirklich voraussagen kann, sind vollkommen wertlos. Es ist praktisch alles vorausgesagt worden, was in den letzten hundert Jahren an Technik und Anwendungen erfunden wurde. Alle Leute, die richtig prognostiziert haben, sind völlig unbekannt. Die Experten und Futurologen, die sich massiv geirrt haben, sind berühmt geworden. Es geht nicht darum Recht zu haben, sondern narrativ und interessant zu irren.

 

Was haben Sie zum Beispiel richtig prognostiziert?

 

Vor zwei Jahren habe ich mich auf mehreren Kongressen aus dem Fenster gelehnt und prognostiziert, dass diese „Wearables“ massiv überschätzt werden. Menschen sind nämlich keine Informationswesen. Zwei Monate lang ist es interessant ein Gerät am Handgelenk zu tragen, das den Blutdruck oder Puls misst, dann schmeißen die Leute die Dinger wieder weg. Menschen, die solche Technologien dauerhaft nutzen, gehören eher zu einer Minderheit. Und die, die sie nutzen sollten, wie chronisch Kranke, wollen nicht ständig über ihre Krankheit informiert sein. Es gibt zwar einen Nischenmarkt, schließlich findet man in jeden Mediamarkt einen Stand mit „Wearables“, jedoch waren die ursprünglichen Prognosen der Analysten ungefähr drei- bis vier mal so hoch.

 

Testen Sie Technologien wie diese „Wearables“ auch selber?

 

Ja! Meine Praxisabteilung ist im Wesentlichen unser Haus. Gemeinsam mit meiner Frau habe ich das „Future Evolution House“ gebaut. Wir sind eine vierköpfige Familie plus Hund und testen darin neue Technologien. Allerdings schmeißen wir auch vieles wieder weg! Wir haben ein Themensystem entwickelt mit dem man herausfindet, was Menschen antreibt. Das sind überwiegend Kontrolle, Komfort, Macht und Status. Es gibt also verschiedene Elemente, die für Technologie motivieren und es gibt auch natürliche Selektoren. Komplexitätsprobleme spielen eine große Rolle. Ist ein Gerät in seiner Anwendung zu kompliziert, dann verschwindet es wieder vom Markt.

 

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

 

Ich glaube, dass die Belieferung von Haushalten mit Drohnen eine Nischenidee bleibt. Das gibt es im afrikanischen Busch in Ruanda, um Medikamente auszuliefern und da ist es auch sinnvoll. Aber in Massen wird es sich nicht durchsetzen. Dafür ist das zu kompliziert.

 

Der Erfolg einer Technologie steht also im direkten Zusammenhang inwiefern die Komplexität von den Menschen angekommen wird?

 

Komplexitätserlösende Technologie, wie zum Beispiel das Smartphone, hat es geschafft viele Anwendungen über Apps auf eine Plattform zu bringen. Diesen Effekt habe ich damals sogar unterschätzt, aber ich lerne ja immer dazu! Die meisten Dinge erfordern einen ständigen Wartungsaufwand und deshalb werden sie oft von der Lebensrealität der Menschen wieder rausgefiltert. Das ist wie in der Evolution, in der es schon viele Organismen gab, die alle wieder ausgestorben sind und das ist viel mehr, als das was heute existiert. In der Zukunftsforschung nennen wir das auch „Floppologie“, also die Wissenschaft vom Scheitern. Wir können relativ gut voraussagen was scheitern wird und wir werden immer besser.

 

Welche neuen Technologien werden Ihrer Meinung nach in den kommenden Jahren unsere Gesellschaft wirklich revolutionieren?

 

Revolutionen sind sehr selten! Und Revolutionen sind auch extrem langsam. Denken Sie mal an das Auto! Es hat zwar irgendwann einen riesigen Schub gegeben um das Pferd abzulösen, als der Pferdemist in den Städten schon einen halben Meter hoch stand, aber dann hat es irre lang gedauert bis es sich durchgesetzt hat. Oft sind es die graduellen Veränderungen, die etwas erst massenfähig machen. Fliegen war über achtzig Jahre elitär und hochgradig gefährlich. Erst durch andauende kleine Verbesserungen hat es sich durchgesetzt. Das, was wir jetzt mit den Computern und der klassischen Digitalität erleben, ist eher eine Ausnahme. Wir müssen verstehen, dass auch wahnsinnig viel gleich bleibt.

 

Die digitale Gesellschaft wird doch vieles verändern!

 

Wird die Gesellschaft digitalisiert? Das ist eine suggestive Frage, die problematische Wörter in die Welt setzt! Die Gesellschaft wird nämlich überhaupt nicht digitalisiert! Es werden Maschinen und Prozesse digitalisiert. Ich behaupte, dass die Gesellschaft so analog bleibt wie sie schon immer war. Nur entwickelt sie zusätzliche Konnektome, also Verbindungsformen und Möglichkeiten. Der amerikanische Futurist Kevin Kelly hat gerade ein Buch mit dem Titel „The Inevitable“ also „Das Unvermeidliche“ geschrieben. Darin definiert er mit dreizehn Begriffen was Digitalisierung ist. Unter anderem "cognifying", "flowing", "accessing", "interacting" und "beginning". Bei dem Begriff “Digitalisierung” denken die Leute immer an Computer. Worum es in Wirklichkeit geht, ist ein gesamtumfassender Prozess der Verbindung. Diesen kann man mit jener Evolution vergleichen, als vor zwei Milliarden Jahren die Nervensysteme entstanden sind. Digitalisierung ist nichts anderes als eine Verflüssigung von Kommunikationsprozessen in unserer gesamten Lebenswelt, einschließlich von uns selbst. Und diesen Prozess kann man eben nur verstehen, wenn man den Begriff nicht technisch reduziert.

 

Wie sehen ihre Prognosen bei KI, also der künstlichen Intelligenz aus?

 

KI ist eine der überschätztesten Anwendungen! Die meisten Leute verwechseln die Soft KI mit der Hart KI. Hart KI ist die Idee Menschen nachzubauen. Erstens ist das so gut wie unmöglich und zweitens Blödsinn! Warum sollten wir etwas nachbauen was wir schon haben, und Menschen produzieren kann man vergnüglicher machen! Die Soft KI ist banal. Meine Waschmaschine hat auch eine KI und seit vielen Monaten fahre ich voll- oder halbautomatisch. Eine KI kann ein Auto steuern, trotzdem handelt es sich um eine banale Tätigkeit. Solche Routinetätigkeiten werden natürlich in Zukunft vermehrt von Computern übernommen. Das verändert aber nicht so viel wie wir denken! Die Idee von KI ist ja oft eine unbewusste Rationalisierungssehnsucht. Man möchte Kommunikation rationalisieren, aber wenn die Firmen das machen, reagieren die Leute stinksauer. Sie fühlen sich zu Recht abgeschoben. Pflegeroboter sind auch Blödsinn, weil Pflege eine menschliche Tätigkeit zwischen Menschen ist. Sie können Roboter bauen, die beim Tragen und beim Pillen sortieren helfen. Das sieht dann aber nicht aus wie ein Roboter. Je menschenähnlicher Roboter werden, desto gruseliger sind sie und die Leute werden sie ablehnen. Es ist die Aufgabe der professionellen Prognostik diese Debatten richtig einzuordnen.

 

 

Wann werden autonome Autos zur Realität und unser Straßenbild prägen?

 

Sehr viel später als wir denken! Assistenzsysteme werden in den nächsten Jahren zur Norm werden, aber autonomes Fahren ist eine Frage des Gesamtsystems. Selbstfahrende Autos brauchen eine zufallslose Umwelt, die auf sie eingestellt ist. Wenn ein KI Auto in einer Stadt eingesetzt wird, dann hat es so viele Ausschlussgründe, dass es ständig stehen bleibt. Das heißt ein automatisch fahrendes Auto ist ein Stillstandsauto und es wird lange dauern bis man die Umwelt dem Auto angepasst hat. Auf der Autobahn gibt es ebenfalls unheimlich viele Zufälle und kleine Abweichungen. Was passiert, wenn irgendetwas auf der Fahrbahn liegt oder ein Stau entsteht? Dann braucht man wieder Menschen, die diese ungewöhnliche Situationen lösen können. Außerdem werden Autobahnen benötigt, die hermetisch abgeschottet sind.

 

Wird es sich überhaupt noch um ein Auto im heutigen Verständnis handeln oder müssen wir neu über Mobilität nachdenken?

 

Momentan gibt es zwei Evolutionen! Zum einen den Nachbau der klassischen Limousine für die Autobahn und zum anderen das Auto für städtische Systeme, das sich im Niedriggeschwindigkeitsbereich vortastet. Beide Varianten bewegen sich in völlig verschiedenen Umwelten und immer wenn in der Evolution zwei unterschiedliche Umwelten entstehen, gabeln sich die Zweige. Mit technischen Geräten ist das ähnlich. Zukünftige Autos werden verschiedene Formen annehmen.

 

Wie wird das autonome Fahren denn ihrer Meinung nach von den Leuten angenommen werden?

 

Ich bin bereits ein paar tausend Kilometer automatisch gefahren. Meine beiden Söhne haben gerade ihren Führerschein gemacht, sind voll Testosteron und mögen gerne selber Autofahren. Klassische Autofahrer sagen zum automatischen Fahren, dass sie ja gleich mit dem Zug fahren oder dem Flugzeug fliegen können. Autofahren ist nämlich eine Mensch-Hirnsymbiose und vor allem eine männliche Hirnsymbiose. Es ist ein Adrenalin- und Testosteronorgan. Autos vermitteln Kontrolle, Status und Freiheit. Sie werden häufig aus Erregungsgründen gekauft. Die meisten Männer, die heute teure Autos besitzen und davon lebt ja die Autoindustrie, finden die Idee des autonomen Fahrens furchtbar.

 

Die Zielgruppen werden sich also verändern?

 

Die Affinität zum automatischen Fahren liegt eher bei den Frauen oder androgynen Typen wie mir. Ich liebe es, weil ich dann während der Fahrt arbeiten kann. Die ganze Geschichte wird unglaublich spannend, weil sich die Zielgruppen des Autofahrens völlig austauschen werden. Menschen die früher gerne Auto gefahren sind werden aus den teuren Autos aussteigen und alle, die es nicht so gerne mögen, freuen sich darauf endlich gefahren zu werden.

 

Sie fahren selber einen BMW i3. Warum setzen sich Elektrofahrzeuge noch nicht durch?

 

Der Elektromotor ist klein, viel weniger komplex und um den Faktor Drei effektiver als ein herkömmlicher Motor. Dem gegenüber stehen jedoch die Interessen der Motorbauer. Ein Motor ist heute so komplex, dass viele verschiedene Gewerke und Arbeitsplätze daran hängen. Die Autoindustrie spielt deshalb auf Halten. Dagegen kann man nur durch äußere Normierungen etwas unternehmen, wie mit der Regelung der Abgaswerte. Der Öl- bzw. fossile Komplex ist natürlich auch ungeheuer mächtig und zäh. Die versuchen das ebenfalls mit allen Mitteln zu verhindern. Das Marketing von neuen Autos läuft ja auch so ab, dass Journalisten eingeladen werden, um mit einem hochmotorisierten Modell auf Mallorca Probe zu fahren. Das Elektroauto erntet dabei immer nur ein müdes Lächeln. Ich bin sehr begeisterter Elektroautofahrer und langsam bekommen die Leute auch diesen Respekt davor. Jeder Porschefahrer weiß, dass ich ihn an der Ampel abhängen kann, wenn ich will!

 

Ein großer Megatrend ist die Urbanisierung. Welchen Einfluss werden elektrische und autonome Fahrzeuge auf die Gestaltung unserer Straßen und Städte haben?

 

Es wird nicht unbedingt weniger Verkehr geben. Vielleicht werden die Verkehrsoperationen sogar zunehmen, weil die Leute es als angenehm empfinden ein Auto zu rufen oder es nicht selbst fahren zu müssen. Die Entwicklung innerhalb der Lebensqualitätsdebatte von Städten nennt man „New Urbanism“. Seit meiner Jugend haben sich Städte unglaublich verbessert, es gibt aber natürlich noch viel zu tun. Das Auto beansprucht den ganzen öffentlichen Raum und alle verdichteten Städte, die heute Magnetkraft haben, müssen das Auto zurückweisen. Sie müssen Platz schaffen für die Menschen, Plätze, Lebensqualitäten, Begegnungen und Kommunikation. In Europa sieht man diese Entwicklung zum Beispiel an den neuen Fahrradstädten wie Kopenhagen oder Amsterdam. In Deutschland kriegen wir das noch nicht so hin, aber langsam werden die Flächen vom Auto frei gegeben. Die wirklichen Schübe werden durch das autonome Fahren und die Elektromobilität kommen.

 

Was wird das konkret an der Straßenarchitektur der Städte ändern?

 

Die Idee, dass eine Straße Platz für Menschen und Märkte bietet, ist immer nur eine Ausnahmesituation. Es wurden mühsam Fußgängerzonen eingeführt. In Zukunft wird es vermehrt mobiliti spaces und Mix Zonen geben, in denen sich kleine elektrische Fahrzeuge, Fahrräder und Fußgänger gemeinsam aufhalten. Man kann sich ja vorstellen, wie kleine kapselähnliche Gefährte im Niedergeschwindigkeitsbereich auch in Fußgängerzonen fahren. Diese Bilder sind bereits visualisiert. Allerdings darf man jetzt auch nicht denken, dass alle nur noch Elektroauto fahren. Es wird auch eine Revolution der Fußgänger und Fahrradfahrer geben!

 

Jeder Trend hat einen sogenannten „tipping point“ und einen Gegentrend. Wird sich der Trend der digitalen Achtsamkeit durchsetzen und die Leute wieder vermehrt offline gehen um ein analoges Leben zu führen?

 

Das ist ja bereits der Fall! Menschen kommen an gewisse Grenzen der Verträglichkeit von Technologien. Viele Manager und Berufstätige betreiben parallele Kommunikation, bis sie immer unproduktiver werden und ein Burn Out bekommen. Alles was interessant, heiß und Zukunft ist, muss man erst einmal anfassen um sich die Finger zu verbrennen. Irgendwann lernen wir alle den Drachen zu zähmen. Am Anfang sind auch alle Autos explodiert und Flugzeuge abgestürzt. Dann wurde so lange daran gebastelt, bis es funktionierte. Viele gehen jetzt in Richtung „Omline“. Also nicht „On“ sondern „Om“. So nennen wir die digitale Ausgeglichenheit. Außerdem gibt es gewisse Konstanten im menschlichen Kommunikationsverhalten. Tausend Freunde sind eine Illusion, die niemand auf Dauer halten kann. Bei meinen Freunden sehe ich momentan digitales Zähmungsverhalten. Sie schalten die Kanäle ab, gehen aus facebook raus und gucken vieles nicht mehr.

 

Wie anfangs schon beschrieben, zeichnen die Medien ein sehr negatives Bild von unserer Zukunft. Mit Angst und Schrecken erreichen sie Aufmerksamkeit und hohe Klickraten. Wird sich der „konstruktive Journalismus“, also lösungsorientierte Vorschläge als Gegentrend durchsetzen?

 

Das wäre zu hoffen! Es wird immer einen Bedarf nach Sinn produzierender Medien geben. Je mehr unsere Weltwahrnehmung durch Sensation, Negativität und Angst verunsichert wird, desto mehr haben wir das Bedürfnis positiv zu kommunizieren. Zum einen konzentriert sich das im Achtsamkeitstrend, der momentan den größten mentalen Trend darstellt. Unsere Energien folgen immer der Aufmerksamkeit und es entsteht das Bedürfnis nach konstruktiver, kreativer Kommunikation.

 

 

Können Sie Beispiele nennen bei denen „Konstruktiver Journalismus“ bereits umgesetzt wird?

 

In Deutschland hat sich „Perspective Daily“ neu gegründet. Doch auch viele Traditionsmedien haben natürlich nicht nur negative Schlagzeilen, sondern durchaus auch vernünftige und konstruktive. Es gibt das berühmte Beispiel von Ulrik Haagerup, dem Chef des Dänischen Fernsehens. Er schrieb vor einigen Jahren ein Buch mit dem Titel „Constructive News“. Darin sagt er, dass die Medien nur noch Zeuge von gesellschaftlicher Angst und Schrecken sind und wir den Populismus puschen. Er führte unter anderem Talkshows ein, bei denen die Aufgabe der Talkenden ist, sich auf konkrete Maßnahmen eines Problems zu einigen. Allerdings ist die natürliche Grundprägung des menschlichen Hirns auf Angst und Abweichung eingestellt. Würden wir jetzt eine Zeitung heraus bringen, die nur positive Meldungen bringt, dann schlafen die Leute ein.

 

Was wäre die Alternative?

 

Konstruktiver Journalismus denkt das ganze Bild von der Zukunft aus und von der Lösung her. Das ist eine tiefe Sehnsucht der Menschen. Wenn ich auf großen Veranstaltungen sage, dass unser Diskurs falsch ist und uns nur die Probleme bringt, von denen wir uns fürchten, dann bekomme ich Standing Ovations. Und wenn ich hinzufüge, dass wir diesen ganzen Skandalismus abschalten sollen, dann tobt das Publikum. Die Gebildeteren steigen ja bereits immer mehr aus den panisch schreienden Medien aus. Ich glaube jetzt wird es eine Wende geben!

 

Herr Horx, vielen Dank für dieses Gespräch!

 

 

Zur Person:

Matthias Horx wurde 1955 in Düsseldorf geboren. Er ist einer der renommiertesten Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Nachdem er als Journalist unter anderem für „die Zeit“ tätig war, gründete er zur Jahrtausendwende das „Zukunftsinstitut“ mit Sitz in Frankfurt a.M. und in Wien. Er berät Unternehmen, Institutionen und lehrt als Gastdozent an verschiedenen Hochschulen. In den letzten Jahren veröffentlichte er zahlreiche Bestseller. Sein aktuelles Buch „Zukunft wagen - Über den klugen Umgang mit dem Unvorhersehbaren“ ist im Pantheon Verlag erschienen.

Das Interview mit Matthias Horx führte Alexandra von VISIONMAG. Vielen Dank an Thomas Fricke (Organisation) und Martin Joppen (Fotograf - www.martin-joppen.de).

 

 

Matthias Horx

Zukunft wagen

Über den klugen Umgang mit dem Unvorhersehbaren

 

Genre: Fachbuch

Verlag: Pantheon Verlag

ISBN: 978-3-570-55280-3

Erscheinungsdatum: 12. Oktober 2015

Broschiert: 320 Seiten

Preis: EUR 14,99

 

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Foto © Klaus Vyhnalek

Future Evolution House

 


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