Interview Wortreich

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INTERVIEWS | BÜCHER | Artikel vom 08.04.2016 | Text von Redaktion

Gespräch mit Buchhändler Dennis Witton

Buchhändler bei WortReich: Dennis Witton  |  Fotos © G. Schnatmeyer

 

Gibt es einen inspirierenderen Ort als einen schön gestalteten, fast wohnlich

anmutenden Buchladen? Faszinierende Geschichten, Informatives, Neues wie

Klassisches erwartet einen! Ich treffe den Inhaber nach Ladenschluss. Voller

Spannung betrete ich das kleine Geschäft namens WortReich. Inmitten von

gefüllten Tischen und Regalen werde ich freundlich von Dennis Witton empfangen.

Am liebsten würde ich direkt loslegen und stöbern, schon alleine der Geruch und

die Optik der Buchcover ziehen magisch an. Doch Dennis kann viel erzählen! In

ansprechender Atmosphäre beginnen wir ein Gespräch.

 

Mit welchen Büchern bist du aufgewachsen?

 

Das erste Buch an das ich mich erinnern kann war ein Bilderbuch mit dem Titel „Da liegt ein Krokodil unter meinem Bett“. Ich war zwei oder drei Jahre alt als meine Mutter es in der Bücherei ausgeliehen hat. Ich erinnere mich deshalb so gut, weil wir immer vergessen haben, es zurück zu bringen. Die Klassiker „Wo die wilden Kerle wohnen“ und „Pippi im Takka Tukka Land“ haben mich als Kind lange begleitet. Auch die Bücher von Helme Heine habe ich gerne gelesen. Dann gab es eine ganz lange Comic Phase. Deswegen kann ich auch heute alle Eltern beruhigen, die sagen, dass ihre Kinder nur Comics oder Mangas lesen. Als Jugendlicher fand ich dann Biographien spannend. Die Ansichten und Erfahrungen anderer Menschen haben mich früh geprägt und sie halfen mir dabei mein eigenes Lebensmodell zu entwerfen.

 

Welches Buch hat dich am meisten beeindruckt und nachhaltig geprägt?

 

Natürlich habe ich schon viele Bücher in meinem Leben gelesen, die mich lange begleitet haben. Ein großes Erlebnis war „Das Bildnis des Dorian Gray“ von Oscar Wilde. Das habe ich mit Mitte zwanzig gelesen und ich fand die Sprache unglaublich. So etwas kannte ich vorher nicht. Eines der Bücher, die ich immer in Gedanken und im Herzen bei mir habe ist „Die Stadt der Blinden“ von José Saramago. Die Thematik hat mich sehr beeindruckt.

 

Was fasziniert dich an deinem Beruf?

 

Mein Beruf hat zwei schöne Aspekte. Zum einen sind es natürlich die Bücher, die ich liebe und die Geschichten in die ich eintauche. Zum anderen ist es die Möglichkeit Menschen zu begegnen und mich mit ihnen auszutauschen. Jedes Beratungsgespräch hat eine persönliche Note, man erfährt viel von den Leuten, bekommt ihre Geschichten erzählt und erlangt dadurch auch Menschenkenntnis. Ich mag die Verbundenheit, die entsteht, wenn man persönliche Ansichten erfährt.

 

Kunden bestellen häufig bequem im Internet. Wie wichtig ist die persönliche Beratung?

 

Die Kunden müssen natürlich selber entscheiden wie wichtig ihnen eine persönliche Beratung ist. Uns gibt es jetzt genau sechs Jahre und anscheinend finden es die Leute wichtig genug und kommen nach wie vor zu uns. Natürlich kann ich online genau das Buch bestellen, von dem ich weiss, dass ich es haben möchte. Deswegen haben wir auch einen Online Shop. Aber es gibt Fälle da brauche ich jemanden, der mir zuhört, Tipps gibt und weiter hilft. Die Menschen schätzen das und wenn man sie gut berät kommen sie wieder und schenken uns ihr Vertrauen. Das ist es, was Buchhändler ausmacht.

 

Hat deiner Meinung nach der Buchhandel Zukunft?

 

Ich würde nicht meine ganze Energie in etwas investieren von dem ich glaube, dass es in zehn Jahren nicht mehr existiert. Sicher gibt es Veränderungen! Man muss wach bleiben und schauen was es neues auf dem Markt gibt. Aber es gibt viele vernünftige Gründe weiterhin seinen Buchhändler vor Ort zu besuchen und dort einzukaufen. Zum einen sind wir wahnsinnig schnell. Wenn ein Buch nicht vorrätig sein sollte, können wir es bis 18.30 Uhr bestellen. Am nächsten Morgen ist es bei uns. Das kann kein Online Shop toppen. Zum anderen haben Bücher in Deutschland Einheitspreise. Im Geschäft kosten sie also genauso viel wie im Internet. Buchhandlungen sind aber auch Institutionen. Hier kommen Leute zusammen und tauschen sich aus. Das ist eines der wichtigsten Dinge in unserer heutigen Zeit, denn in unserer anonymisierten Gesellschaft wird das immer seltener.

 

Welche Veränderungen kommen durch die Digitalisierung auf den Buchhandel zu?

 

Dieses Thema taucht in den Medien immer wieder auf. Seit zehn Jahren beschäftige ich mich mit eBooks. Wir können hier vor Ort sehr kompetent zu verschiedenen Lesegeräten beraten und haben die Möglichkeit eBooks down zu loaden. Beim gesamten Buchumsatz in Deutschland hat im letzten Jahr das eBook allerdings nur 4,3% ausgemacht und diese Entwicklung stagniert jetzt auch. Ein eBook ist aber spätestens im Urlaub interessant. Dadurch muss man nicht so viel Gepäck mitnehmen. Das genieße ich sehr. Aber wenn ich die Wahl habe, geht mein Griff immer zum gedruckten Buch und das geht ganz vielen meiner Kunden genauso. Ein Buch ist halt mehr als sein Inhalt! Es geht ja auch um das Gefühl etwas in den Händen zu halten und einzutauchen. EBooks sind eine tolle Alternative, ich mache mir aber keine Sorgen um das gedruckte Buch.

 

Welches ist deine größte Motivation in Zeiten, die nicht so gut laufen?

 

Manchmal begegnen mir Bücher, die in solchen Augenblicken passend sind. In meinem Lesetagebuch notiere ich aber generell schöne Sätze, Zitate und Aphorismen aus Büchern. Irgendwann sind sie dann genau richtig. Es gibt einen wundervollen Satz von Albert Camus „Mitten im Winter habe ich erfahren, dass es in mir einen unbesiegbaren Sommer gibt.“ Dadurch weiss ich, dass es immer weiter geht. Es hilft mir zu lesen was andere, zum Beispiel zum Thema Glück oder zum Thema Leiden gesagt haben. Mein Lesetagebuch ist meine Hausapotheke.

 

Welches aktuelle Buch liest du gerade und welches kannst du empfehlen?

 

Wie immer lese ich gerade drei Bücher parallel. Die sind aber noch nicht erschienen. Mindestens einen Monat im voraus bekommen wir Exemplare von Verlagen, damit wir genug Zeit haben uns mit den Neuerscheinungen zu beschäftigen. In einer Woche versuche ich dann immer drei zu lesen. Aktuell empfehlen kann ich von Isabel Bogdan „Der Pfau“, von Carsten Sebastian Henn „Das Apfelblütenfest“ und „Der Hut des Präsidenten“ von Antoine Laurain.

 

 

Was wünschst du dir für die Zukunft?

 

Weniger Angst sowohl für mich als auch für alle anderen! Wenn ich mich umschaue habe ich das Gefühl, dass viele Leute Sorgen und Angst vor der Zukunft haben. Sie haben keine Orientierung mehr. Ratgeberbücher werden durchaus häufig gekauft. Man merkt, dass die Leute nach Sinngebung und Lebenshilfe suchen. Achtsamkeit ist ein großes Thema. Die Menschen sind unsicher und wissen nicht was sie tun sollen. Ich wünsche mir, dass wir alle weniger Angst haben. Denn gerade aus dieser Angst können furchtbare Dinge passieren und manchmal wird daraus sogar Kapital geschlagen.

 

Hast du eine Botschaft an die Leser?

 

Botschaft finde ich etwas schwierig, weil ich natürlich nicht die Weisheit für mich gepachtet habe. Aber wenn ich darüber nachdenke ist für mich die wichtigste Eigenschaft, die ein Mensch haben kann, die Neugierde! Ich finde es unglaublich wichtig neugierig zu sein. Auf das was das Leben bereit hält, auf Menschen, andere Kulturen und Lebensweisen. Dass man Lust hat Dinge zu erfahren, zu lernen und in Geschichten einzutauchen und auch seine Lehren daraus zieht. Wenn man damit aufhört, wird der Horizont immer kleiner. Bleibt man jedoch neugierig kann man nur gewinnen!

 

 

 

Vielen Dank Dennis Witton für das inspirierende Gespräch in eurem Buchladen „WortReich“.

 

Alexandra führte das Interview mit Dennis Witton im Buchladen WortReich.

 

 

Klickt für weitere Informationen auf diesen Banner:

 

photograph | G. Schnatmeyer

Homepage  |  www.gschnatmeyer.de

Zur Person:

Dennis Witton ist gelernter Buchhändler und begeisterter Leser. Nach seiner Ausbildung bei einem großen Filialisten, arbeitete er eine Zeit lang in seinem Ausbildungsbetrieb. Danach unterrichtete er für ein Jahr an den Schulen des Deutschen Buchhandels. Witton, der in seiner Freizeit einem Theater Ensemble angehört, kehrte in den Westen von Köln zurück und eröffnete gemeinsam mit Michael Schnorrenberger die einzige Buchhandlung im Ort. 


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Kommentare: 1 (Diskussion geschlossen)
  • #1

    Torsten (Montag, 11 April 2016 16:51)

    Ich kann den Buchladen nur empfehlen, die Beratung ist sehr gut. Besonders wenn ich mal keine Ahnung hatte, welche Buch ich verschenken sollte, die Empfehlung sind immer gut angekommen beim Beschenkten ;)